Das Leben brummt in einem tiefen trauten Ton um mich herum. Ich genieße es in vollen und lebendigen Zügen, die meine Lungen alltäglich füllen und mich bei klarem Bewusstsein halten. In meiner Hand stelle ich mir einen prallen, quietschigen, roten Luftballon vor. Mit leicht gestrecktem und etwas angewinkeltem Arm laufe ich herum und beschließe plötzlich stehen zu bleiben. Ich halte meine Welt an. Ich halte just diesen Moment fest. Ich bin verankert. Hier. Nirgend sonst.

Meine Wahrnehmung entgleitet sanft aber determiniert in weitere und dunklere Ferne. Geräusche und alle anderen Sinnstimulationen wirken entrückt und verzögert. Um mein Innerstes bildet sich eine graue, farblose und trostlose Wüste, die wie ein natürlicher Filter auf mein Selbst wirkt. Immer weniger wirkt auf mich ein. Nur eine leichte und regelmäßige Brise zupft an meinem Luftballon. Ich glaube er ist immernoch rot. Vielleicht ein bisschen verstaubt.

Ich bin zufrieden. Ich will nicht mehr. Ich bin komplett. Gänzlich ganz.

Schritte nähern sich dem Zentrum meiner Abschottung. Zuerst meine ich mich zu täuschen. Doch bald schon höre ich säuselnd sanfte Schritte durch die sterile Steppe streifen. Sie werden deutlicher. Ich glaube es sind leichte lederne Schuhe. Kein Echo. Keine Nebengeräusche. Bald schon höre ich ein Reiben von Stoff an Stoff. Hosen. Mantel. Bald höre ich einen Atem. So duften nur Frauen. So gepflegt. So rein. So schön.

Ist mein Ballon noch so schön rot? Ist er noch prall? Bin ich selbst noch halbwegs staubfrei? Ich rege mich nicht.

Eine gut riechende Frau mit Stoffhose und Mantel muss also vor mir stehen. Ich spüre ihren warmen und feuchten Atem auf meinen kühlen und trockenen Wangen. Würde ich meinen Kopf auch nur ein klein wenig neigen, würden wir uns marginal berühren. Wie ich mich bewege muss ich erst wieder lernen. Ich höre ein etwas künstlich synthetisches Geräusch, als eine etwas ungewöhnlich kräftige Böe die Zweisamkeit durchstreicht. Wie als würden zwei Ballons aneinander gestoßen werden. Nach Jahren der Regungslosigkeit muss ich augenblicklich lächeln. Obendrein weiß ich wo eine ihrer Hände unausweichlich zu sein hat.

Wir bleiben so stehen. Wehender Wind. Aneinanderschlagende Ballons. Sich vermischende Atemlüfte. Geteilte Leben. Geteilter Stillstand. Wir regen uns nicht.

“MAMAAAA!”
“Ja, Schatz?”
“Der Opa und die Oma da drüben verkaufen Luftballons!”
“Einen roten Luftballon, bitte.”
“Die Roten sind die Schönsten, findet meine Frau auch. Nicht wahr, Darling?”
“Oh ja! Die Schönsten überhaupt!”

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